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Belarussisch-deutsche gemeinsame Gesellschaft mit begrenzter Haftung
"Rehabilitations-und Erholungskinderzentrum"

"NADESHDA"

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Die Entstehung des Projekts NADESHDA

Ausgangspunkte und Motive

Wer die Augen vor der Vergangenheit

schließt, ist blind für die Gegenwart.

Richard v. Weizsäcker

      Belarussen und Deutsche verbindet eine wechselhafte, von zahlreichen schrecklichen Ereignissen geprägte Geschichte. Während des Zweiten Weltkriegs verlor die belarussische Bevölkerung unter deutscher Besatzung etwa ein Viertel ihrer Einwohner. Die im deutschen Namen begangenen Verbrechen haben bis heute tiefe Spuren im Leben der belarussischen Gesellschaft hinterlassen. Allerdings gab es in der Bundesrepublik Deutschland stets auch Menschen, denen das von deutscher Seite an den Völkern der damaligen Sowjetunion verübte Unrecht keine Ruhe ließ. So war die Versöhnungsarbeit Vertretern der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bereits in den 1950er Jahren ein ernsthaftes Anliegen. Als Mitte der 1980er Jahre durch die Perestrojka-Politik des damaligen sowjetischen Generalsekretärs Michail Gorbatschow der Eiserne Vorhang durch­lässiger wurde und ein normaler Reiseverkehr möglich zu werden begann, nutzten zahlreiche Deutsche die Gunst der Stunde, um die Menschen in der Sowjetunion persönlich um Verzeihung für die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs zu bitten. Einen ebenfalls für Versöhnung offenen Ansprechpartner und Gastgeber fanden sie im Sowjetischen Friedenskomitee in Moskau und mit ihm in den Friedenskomitees in den einzelnen Unionsrepubliken. Gemeinsam mit dem Sowjetischen und dem Belarussischen Friedenskomitee organisierte der Christliche Friedensdienst (CFD) im Mai 1988 erstmals  eine „Politische Pilgerfahrt“ nach Moskau und Minsk. Dabei schlug nicht zuletzt die offensichtliche tiefe emotionale Betroffenheit, die insbesondere der Besuch in Chatyn, der Gedenkstätte für alle vernichteten Dörfer in Belarus, bei den 149 deutschen Teilnehmern dieser Fahrt auslöste, Brücken der Verständigung zu den belarussischen Menschen und machte weitere Schritte von der Konfrontation zur Kooperation möglich.

      Die zweite „Politische Pilgerfahrt“, die 1989 zum 50. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs etwa 70 Teilnehmer auf Initiative des CFD sowie der Männerarbeit der EKD ausschließlich nach Belarus führte, stand im Schatten eines neuen Unglücks, das die dort lebenden Menschen getroffen hatte: Tschernobyl. Obwohl die Explosion im 4. Reaktor des in der Ukraine gelegenen AKW Tschernobyl zu diesem Zeitpunkt bereits drei Jahre zurück lag, hatten die Menschen in den verstrahlten Gebieten bis dahin weitgehend in Unkenntnis über die wahren Ausmaße und Gefahren dieser Katastrophe gelebt. Die ersten, noch ungenauen Karten über die Verteilung der radioaktiven Belastung waren im Februar 1989 in den sowjetischen Zeitungen veröffentlicht worden. Dabei zeigte sich, dass erneut, wie im Zweiten Weltkrieg, ein Viertel der belarussischen Bevölkerung von der Katastrophe betroffen war. Doch diesmal handelte es sich nicht um einen Feind, der sich wieder vertreiben ließ. Die Radioaktivität würde für Hunderte oder gar Tausende von Jahren den Boden belasten und eine Gefahr für die Gesundheit der Menschen darstellen. Am 3. Juli 1989, dem 45. Jahrestag der Befreiung der belarussischen Republik von der deutschen Besatzung, wandte sich das Belarussische Friedenskomitee gemeinsam mit anderen belarussischen Organisationen daher „An die Landsleute in aller Welt“ mit der Bitte, Hilfe bei der Bewältigung der Katastrophenfolgen zu leisten.

Auf diesen Aufruf reagierten jedoch nicht nur die direkt angesprochenen Landsleute, sondern auch zahlreiche Teilnehmer der zweiten „Politischen Pilgerfahrt“. Tschernobyl war für viele Deutsche bereits 1986 ein Schockereignis gewesen, dass ihnen schlagartig die lebensbedrohlichen, grenzüberschreitenden Gefahren der zivilen Nutzung der Atomenergie vor Augen geführt hatte. Tschernobyl hätte, so die Überzeugung vieler, überall geschehen können. Belarus, wo 70 Prozent des radioaktiven Fallouts niedergegangen waren, durfte daher mit den vielfältigen und langfristigen Folgen der Katastrophe nicht alleine gelassen werden. Die Frage, was Belarussen und Deutsche gemeinsam tun können, um die Folgen von Tschernobyl zu mildern, wurde somit zur bestimmenden Frage während der gesamten zweiten Pilgerfahrt und verwies gleichzeitig auf einen neuen Weg der praktischen Versöhnungsarbeit. Unmittelbar im Anschluss an die zweite „Politische Pilgerfahrt“ bildete sich im Christlichen Friedensdienst ein Arbeitskreis Tschernobyl, in dem nach Möglichkeiten der Hilfe für die betroffene Bevölkerung gesucht wurden. Aus diesem Arbeitskreis heraus entstand im März 1990 die Projektgruppe „Leben nach Tschernobyl“, deren Leitung von der Geschäftsstelle der Männerarbeit der EKD übernommen wurde.

      Der Name „Leben nach Tschernobyl“ war in doppelter Hinsicht programmatisch gewählt. Er brachte zum Ausdruck, dass das Leben für die von Tschernobyl betroffenen Menschen seit der Katastrophe sich grundsätzlich verändert hatte und es keine Verbindung zurück zu ihrem früheren unbelasteten Leben mehr gab. Gleichzeitig klang in ihm jedoch auch die Hoffnung mit, dass allem zum Trotz auch ein Leben nach  Tschernobyl möglich sei – wenn nur von allen Beteiligten die angemessenen Lehren aus der Katastrophe gezogen würden. Um sinnvolle Wege zur Bewältigung der Folgen von Tschernobyl zu diskutieren, führte die Projektgruppe „Leben nach Tschernobyl“ im Juni 1990 gemeinsam mit verschiedenen belarussischen und deutschen Organisationen eine Konferenz in Berlin durch. Ein übereinstimmendes Verständnis darüber, was nach Tschernobyl zu tun sei, fand sie während dieser Veranstaltung mit den Vertretern der Belarussischen Ökologischen Union, deren Mitglieder ihr zum Teil bereits von der „Politischen Pilgerfahrt“ bekannt waren. Die Berliner Konferenz bildete den Anfang einer langjährigen Partnerschaft, die in der Folgezeit durch die Gründung von zwei gleich­namigen Organisationen, dem Verein „Leben nach Tschernobyl“ in Frankfurt am Main und dem Republikanischen Humanitären Fonds „Leben nach Tschernobyl“ in Minsk, auch formal besiegelt wurde.

      Beide Partner entfalteten umgehend gemeinsam mit der Männerarbeit der EKD, dem Hessischen Rundfunk und mehreren weiteren Organisationen vielfältige Aktivitäten: humanitäre Hilfstransporte, medizinische Hilfeleistungen, Messungen der radioaktiven Belastung von Böden und Lebensmitteln, Praktika für Lehrer und Landwirte ... So notwendig und sinnvoll all diese Maßnahmen aber auch waren, vermochten sie den Beteiligten doch aufgrund ihres Charakters als Einzelaktionen kein anhaltendes Gefühl der Befriedigung zu geben. Aus dem Wunsch, gemeinsam einen strukturellen Beitrag zur Milderung der Folgen von Tschernobyl zu leisten, der dem langfristigen, alle menschlichen Lebensbereiche berührenden Charakter dieser Katastrophe gerecht werden und neue Zukunftsperspektiven für die heranwachsenden belarussischen Generationen in ihrem eigenen Land als einem Teil Europas eröffnen könne, kristallisierte sich allmählich in den Jahren 1990 und 1991 eine Idee heraus, die auch das belarussische Tschernobyl-Komitee begeisterte: gemeinsam in Belarus ein Zentrum zu errichten und zu unterhalten, in dem Kinder und Jugendliche aus den radioaktiv kontaminierten Regionen ganzjährig eine Erholungsmöglichkeit finden.